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Mobbing: Vergiftete Atmosphäre in Jobs

Feindseligkeiten unter Kollegen, die krank machen

Ausgegrenzt und schikaniert? Mobbing richtet nicht nur bei den Betroffenen seelischen und körperlichen Schaden an. Es trifft auch die Produktivität eines Unternehmens. Jede vierte Person läuft Gefahr, zumindest einmal während ihres Berufslebens Opfer von Mobbing zu sein. Es fängt oft mit Kleinigkeiten an: gelegentliche Unverschämtheiten, Streuen von Gerüchten bis zur systematischen Ausgrenzung und Erniedrigung eines anderen Menschen. Mag. Elisabeth Knizak ist Leiterin und Mitbegründerin der Mobbingberatungsstelle Work & People. Hier werden neben persönlicher Beratung und Betreuung auch das Erarbeiten von Interventionsmöglichkeiten und Konfliktberatung am Arbeitsplatz angeboten. Wir haben mit der Expertin gesprochen.

Interview zum Thema Mobbing im Job

Manpower: Sie haben ja eine Mobbing-Hotline und eine Mobbing-Beratungsstelle. Was versteht man unter Mobbing genau?

Mag. Elisabeth Knizak: Unter Mobbing versteht man die systematische gezielte Schikane von Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg, mit dem Ziel, sie einfach aus dem Arbeitsleben zu verdrängen oder hinauszustoßen. Die Merkmale sind das Gezielte, das Systematische, über einen längeren Zeitraum hinweg.

Manpower: Wann ist Mobbing jetzt wirklich Mobbing? Es kommt ja vor, dass man sich nicht so gut mit einer Kollegin oder einem Kollegen versteht.

Mag. Elisabeth Knizak: Richtig, das ist eben der Unterschied. Nicht jeder Konflikt ist gleich Mobbing. Was Mobbing von Konflikten unterscheidet, ist die Tatsache, dass es bei einem Konflikt um eine Sache geht. Da ist man sich über eine Sache nicht einig, da hat man eine Meinungsverschiedenheit oder unterschiedliche Interessenslagen. Aber die kann man faktisch in den Griff bekommen. Im Mobbingfall wandert ein Konflikt von der Sachebene auf die persönliche Ebene. Das heißt, es geht dann nicht mehr um das, was zu Beginn zu Grunde gelegen ist. Die Sachebene tritt dann in den Hintergrund und ist den Konfliktparteien gar nicht mehr bewusst. In einem Konflikt redet man vielleicht auch ein paar Tage nichts miteinander. Wenn es aber in Richtung Mobbing geht, ist es so, dass man systematisch und über einen längeren Zeitraum Leute „psycho-terrorisiert“. Also versucht, ganz gezielt, ganz bewusst zu schaden. Ich kann einmal verärgert sein, das ist kein Thema, aber wenn es darum geht, jemanden ganz gezielt fertig zu machen, nach dem Motto „der werde ich es zeigen, die wird da nicht lange überleben etc.“, ist es Mobbing.

Grafik zum Thema Mobbing im Job

Manpower: 
Kann eigentlich jeder Opfer von Mobbing werden oder gibt es ganz bestimmte Typen, die das sozusagen anziehen?

Mag. Elisabeth Knizak: 
Nein, es gibt keine bestimmten Typen. Es kann wirklich jeden treffen. Es ist wichtig zu betonen, dass niemand davor gefeit ist, Opfer von Mobbing zu werden. Es liegt nicht daran, dass man besonders schwach oder feig ist. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass Personen, die eine schlechte Konfliktfähigkeit haben, unter Umständen vielleicht gar nicht streiten oder Konflikten aus dem Weg gehen, die eher zurückhaltend sind und sich nicht wehren, leichter zu Opfern werden. Personen, die sich gut äußern und besser Grenzen ziehen können, wehren Konflikte im Vorhinein oft ab, was anderen nicht so gut gelingt.

Manpower: 
Wie grenzt man jetzt Mobbing von Bossing ab?

Mag. Elisabeth Knizak: Grundsätzlich war Mobbing zunächst einmal ein Begriff für die systematische Schikane am Arbeitsplatz. Man hat es dann ein bisschen differenziert, um die Richtung klar zu machen. Jetzt könnte man sagen, Mobbing ist unter Gleichgestellten, Bossing ist die gezielte Schikane von oben nach unten.

Interview zum Thema Mobbing im Job

Manpower: 
Was bräuchte es, um Mobbing zu verhindern?

Mag. Elisabeth Knizak: 
Vor allem Bewusstseinsbildung. Vielen Mobbern ist nicht bewusst, was sie den Opfern eigentlich antun. Das geht in Richtung Körperverletzung. Dazu gibt es auch schon ein Urteil vom Obersten Gerichtshof. Mobber sagen oft: „Das wollte ich so nicht, das war nicht so gemeint“. Dann ist natürlich auch Aufklärung wichtig. Man muss den Firmen bewusst machen, welche Kosten durch Mobbing im Unternehmen entstehen. Die Krankenstände kosten Geld. Neue Leute müssen gesucht werden, wenn die vom Mobbing Betroffenen aufgeben und gehen. Wirtschaftlich ist das für die Firmen sehr schädlich. Dann wäre auch ein Anti-Mobbing-Klima ideal. Man kann Mobbingbeauftragte ernennen und schulen, eine Mobbingstelle im Unternehmen einrichten. Auch ein Betriebsrat, an den man sich wenden kann, hilft. Es muss eindeutig klar gemacht werden, dass Mobbing in der Firma nicht geduldet wird und dass es Konsequenzen gibt, die durchgesetzt werden. Man kann auch schauen, wie die Konfliktkultur innerhalb der Firma ist. Aus Konflikten, die nicht aufgearbeitet werden, kann eventuell Mobbing entstehen.

Manpower: 
Wie können denn Personen, die betroffen sind, damit umgehen?

Mag. Elisabeth Knizak: 
Man geniert sich oder empfindet es als Schande, dass man eine „Persona non grata“ ist, also ein nicht gerne gesehener Mensch. Nun es ist wichtig, den Personen Mut zu machen und ihnen zu sagen, wo sie Hilfe bekommen können. Das kann psychologische oder juristische Hilfe sein. Wenn man selbst betroffen ist, kann man Grenzen setzen und nicht alles hinnehmen. Man muss schauen, wo man sich aussprechen kann und was man sich als Ausgleich Gutes tun kann. Wichtig wäre es, den Vorgesetzten einzuschalten oder den Betriebsrat zu informieren. Es ist auch gut, den Kontakt mit Kollegen zu suchen und sich nicht in die Isolation treiben zu lassen. Man sollte versuchen, den Kontakt mit den Mitläufern zu halten. Mobber sind oft nicht so mutig, wenn man ihnen Grenzen setzt. Es gibt natürlich kein Patentrezept. Es ist immer von Fall zu Fall anders. Aber wichtig ist, auf sich zu schauen und sich intern und extern Hilfe zu suchen.

Manpower: 
Wir haben ja schon kurz darüber gesprochen, dass durch Mobbing wirtschaftlicher Schaden und Kosten entstehen - Welche Folgen hat Mobbing noch für die Unternehmen?

Mag. Elisabeth Knizak: 
Zunächst einmal sinkt die Produktivität in der Firma und Mobbing kann auch strafrechtliche Konsequenzen haben. Der Arbeitgeber hat ja eine Fürsorgepflicht gegenüber den Angestellten und die kann ein Betroffener natürlich einfordern und auch einklagen. Das kann teuer werden. Man kann auch wegen Diskriminierung klagen, also, wenn man zum Beispiel wegen seines Alters gemobbt wird. Sexuelle Belästigung ist aber nicht gleich Mobbing. Allerdings kann es im Zuge von Mobbing auch zu sexuellen Belästigungen kommen.

Manpower: 
Was können Sie uns zur Geschichte des Mobbings sagen? Seit wann gibt es Mobbing?

Mag. Elisabeth Knizak: 
Eigentlich immer schon. Es hat sicher auch schon in der Steinzeit Mobbingfälle gegeben. Der Begriff kommt vom englischen Wort „to mob“, also anpöbeln oder belästigen. Eine Beschreibung von Mobbing gibt es allerdings erst seit Anfang der neunziger Jahre. Der Arzt und Psychologe Heinz Leymann hat das Phänomen als erster beschrieben und auf den Arbeitsplatz und die Arbeitswelt bezogen. Früher hieß es in so einem Fall oft „sei doch nicht so empfindlich“. Interessant ist auch, dass der Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Begriff bei seinen Graugänsen verwendet hat, um damit das Hackverhalten zu bezeichnen.

Manpower: Haben Sie noch einen besonderen Tipp, wie man Mobbing verhindern kann oder nicht zu einem Betroffenen wird?

Mag. Elisabeth Knizak: 
Man sollte auf das Konfliktmanagement achten. Es hilft auch die Kommunikation zu verbessern. Eventuell kann man einen Rhetorikkurs oder Konfliktmanagementkurs besuchen, wenn man sich damit schwer tut. Ganz wichtig ist auch, auf die eigene Psychohygiene zu achten. Man darf nicht ausschließlich den Beruf als Quelle der Zufriedenheit und Anerkennung sehen. Ich möchte noch ergänzen, dass es den Begriff „Straining“ (Anmerkung: englisch für dehnen, belasten, beanspruchen) gibt. Das ist eine Form von Mobbing, bei der es nicht regelmäßig zu Vorfällen kommt. Es sind oft nur wenige Handlungen, die ausreichen, um einer Person das Leben schwer zu machen. Harald Ege hat diesen Begriff geprägt. Man wird vielleicht ein- bis zweimal von einer Aufgabe abgezogen und bekommt damit das Gefühl vermittelt, dass man unerwünscht ist. In Italien gibt es zu Straining schon viele Gerichtsurteile. Auch in Deutschland gibt es schon ein paar. Das wäre auch für Österreich gut.