|
Zu einer lebhaften Kontroverse kam es gestern im Linzer Wissensturm bei der Podiumsdiskussion „Müssen Pinguine fliegen können? Beeinträchtigung und Arbeitsmarkt“. Sechs Experten diskutierten über Sinn und Unsinn von Förderungen, Kündigungsschutz und Unterstützungsmaßnahmen für Menschen mit Handicap.

Josef Buttinger (im Bild rechts), Initiator und Projektvater von we work together, einer aus dem Stand erfolgreichen OÖ Integrationsinitiative, stellte den verschärften Kündigungsschutz in Frage: „Es dient niemandem, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen ans Unternehmen gekettet sind. Die Kündigungsregelung schützt nicht, sondern versperrt den Weg ins Unternehmen!“ Der Manpower Area Manager plädierte stattdessen für eine verlängerte Kündigungsfrist, dazu Betriebsräte und Vertrauenspersonen als Puffer.

Ex-Sozialminister Erwin Buchinger (im Bild links), heute Behindertenanwalt, warnte hingegen davor, bewährte Schutzmechanismen niederzureißen: „Sonst sind Behinderte die ersten, die abgebaut werden.“ Unternehmen screenen ihre Mannschaften nur mehr nach Leistung: „Wer keine 130% bringen kann, wird erstes Opfer einer Kündigungswelle.“ Das gelte ebenso für Ältere und Mütter kleiner Kinder. Man solle den Fokus nicht nur auf die Betroffenen legen, sondern auch Unternehmen und Führungskräfte fragen, unter welchen Bedingungen sie Menschen mit Handicap einstellen würden.

Für Caritas Direktor Mathias Mühlberger (im Bild links) bringt der unternehmerische Fokus auf Gewinnmaximierung das gesamte gesellschaftliche Gefüge ins Trudeln: „Es müsste heißen: Geht´s uns allen gut, geht´s der Wirtschaft gut.“ Im Fall von beeinträchtigten Menschen plädierte er auf Hinwenden zu Stärken und gleicher Augenhöhe statt Defizitorientierung. „Ich erkenne den Quantensprung an, der seit den 90er Jahren passiert ist. Ich bin selbst aus dem Mühlviertel und weiß, wie viele Behinderte früher in Bauernhöfen weggesperrt waren.“

Günther Schuster, Leiter Bundessozialamt Österreich, wies darauf hin, „dass die Gleichstellung in Österreich ein zarteres Pflänzchen ist als beispielsweise in Großbritannien und Skandinavien.“ Während sich das Bundessozialamt früher auf Leistungen auf Individualebene konzentriert habe, läge der Fokus nun bei den Lebensübergängen: „Wir arbeiten an Integrationsketten an den Übergängen, etwa zwischen Schule und Beruf.“

Werner Vogelsang, Head of HR bei DHL Express Austria, regte an, den Kündigungsschutz bei Motivkündigungen anzuwenden, nicht jedoch bei generellem Abbau. Er wünschte sich eine raschere Abwicklung von Anfechtungsverfahren beim Bundessozialamt ebenso wie eine Anpassung der Ausgleichstaxe („Strafsteuer“).

Gerhard Weinberger von der Spar AG strich den Mut heraus, den ein Unternehmen brauche, um Menschen mit Beeinträchtigungen dauerhaft einzustellen. Gleichzeitig kritisierte er die gängige Praxis, Betroffene wegen der Förderungen noch zu beschäftigen, „auch wenn man bereits weiß, dass man sie nicht behalten will.“ Sein Appell: „Weiter fest hartnäckig sein!“
|